Trauerphase
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Trauerphase

Trauerphase

Während der Trauerphase

Es vergingen etwa 2 Monate, an denen ich praktisch täglich weinte und oftmals mehrere Stunden. Ich reagierte auf Trigger nicht mehr mit switchen oder dissoziieren, sondern mit Trauer. Nachdem ich die Übung „Mein Gedächtnispalast“ gemacht habe, sprudelten meine Gefühle nach vorne. Die Traurigkeit stand im Vordergrund. Es war schmerzhaft auf der emotionalen Ebene, aber Schmerzen auf der physischen Ebene liessen teilweise nach. Die Migräne und andere körperliche Symptome, die mich schon länger begleiten, verschwanden, wenn die Traurigkeit einsetzt. Traurig zu sein braucht anfangs viel Energie, da es viel zu weinen gibt. Körperlich Beschwerden, die keinen psychisch Ursprung hatten, blieben.

Ich spüre wie sehr die Vergangenheit schmerzt, wie viele Narben die Täter in meiner Seele hinterliessen, doch durch die vielen Anteile empfand ich als ANP Claudia keinen Schmerz und der ANP Cornelia, konnte seine wahren Werte behalten. Die EP’s halfen mir, meinen wahre Gemütszustand zu verbergen und zu überleben. Das ist jetzt vorbei. Ich fühle es mit Leib und Seele. So vieles war grauenhaft. So vieles hätte schön sein können, wäre ich nicht in dieser Familie geboren. Ich wäre gerne in einer behüteten, fürsorglichen, liebevollen, verständnisvollen Familie aufgewachsen. Ich realisiere durch meine Gefühle, was mir mein Leben lang fehlte. Es fehlte so vieles. Natürlich habe ich auch gute Erinnerungen an meine Familie, aber die Schlimmen hatten die grösseren Auswirkungen auf mich, mein Leben wie dass ich von ihnen weg wollte. Ich wollte mich mit 17 Jahren lieber umbringen, als zu ihnen zurück zu gehen und das obwohl ich damals noch keine Erinnerungen an rituelle Gewalt hatte. Ich hatte so gut wie keine Erinnerungen mehr an meine Kindheit. Ich finde es krass und es trifft mich zu tiefst, dass die eigene Familie verantwortlich dafür sein kann, dass man lieber sterben will als zu ihnen zurück zu gehen. Ich fand dies lange normal. Suizidgedanken hatte ich von klein auf und plante es öfters, aber ich wollte es erst in die Tat umsetzten, als ich für eine Weile im Konvikt (Schulinternat) wohnte für eine kurze Zeit und mich dort zu Hause fühlte. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich an einem Ort gut aufgehoben, geborgen, frei und unbeschwert. Ich konnte dort sein wie ich war und musste mich nicht verstellen wie bei den Eltern zu Hause. Ich bekam Angst zu den Eltern nach Hause zu gehen. Die Panik war so riesig, dass ich der KESB drohte; ich bringe mich um, wenn ich zu den Eltern zurück gehen muss. Ich hätte es getan, wäre ich mit 17 Jahren nicht in die Kinder- und Jugendpsychiatrie eingewiesen worden. Ich wollte auch dort nicht sein. Ich wollte nur noch in der Schule sein. Im Schulinternat waren alle gut zu mir. Wenn ich daran denke bin ich traurig, weil ich mein Leben lieber beendet hätte, als mit meiner Familie zusammen zu leben.

Ich merke auch, dass es gut tut traurig zu sein. Es ist berechtigt. Ich darf weinen. Niemand ist mehr in meinem Leben für den ich funktionieren oder irgendeine Rolle übernehmen muss. Ich kann einfach sein, wie ich bin, wie ich mich fühle. Ich werde angenommen. Ich kann sagen, was ich möchte und was nicht. Meine Mitmenschen legen wert auf meine Worte und ich schätze dies unheimlich. Ich muss mich nicht anpassen. Ich sollte richtig glücklich sein, aber ich brauchte Zeit es zu verdauen, dass ich all das nicht hatte. Ich schätze mein Leben wie es jetzt ist. Gefühle sind anstrengend, aber sie werden weniger anstrengender. Ich weinte immer seltener, weniger lange. Es pendelte sich ein. Ich bekam langsam mehr Energie. Auch Ängste legten sich langsam wieder, vieles braucht Zeit.

Nach der Trauerphase

Trigger Themen machen mich nicht mehr so traurig. Es beginnt ein anderes Gefühl, das ich bisher noch nie empfand. Ich bin zu Tränen gerührt. Immer wieder. Immer bei positiven, schönen Momenten. Früher machte ich mich über Menschen lustig, die bei unnötigem weinen. Ich verstand es nicht. Nun verstehe ich es. Es ist wohl eine Art der Freude, die einen tief trifft. Viele Momente erlebe ich momentan so. Ich würde mal sagen. Ich bin plötzlich nah am Wasser gebaut. Ich weine bei Liebesfilmen, wenn ich Komplimente bekomme, rührende Momente erlebe. Irgendwie ist diese Art zu weinen sogar schön. Ich schäme mich auch nicht dafür. Ich bin stolz auf mich, so viel Mut zu haben und Gefühle zu zeigen. Natürlich kann ich mich auch zusammenreisen, wenn es sein muss, aber ich finde es nicht notwendig. Andere von meiner Klasse weinen auch bei Filmen oder wenn sie etwas rührt. Ich jetzt auch und es ist schön, Komplimente oder schöne Momente so nahe an sich heranzulassen. Ich weine vor Freude.

Durch das, dass ich vieles Nahe an mich heran lasse, spüre ich mich. Meine wahren Bedürfnisse, die versteckt waren durch so viele Anteile. Ich kann zum ersten Mal sagen, ich fühle mich vollzählig. Auch der ANP Cornelia ist immer hier. Es fühlt sich gut an. Nichts fehlt mehr weder innerlich noch äusserlich. Ich lebe ein Leben mit Menschen, die mir das geben, was ich brauche. Ich kann mich entfalten. Meine Gefühle sind plötzlich wie eine Kompassnadel, die mich zum Schatz führt. Der Schatz sind Orte, Menschen, wo ich mich wohl fühle. Das Leben ist schön mit Gefühlen, sobald es sich zwischen allen regelmässig abwechselt und die erfreulichen stärker zu spüren sind als die bedrückenden. Ich schätze mein jetziges Leben. Ich will vieles erleben und mir viele herzensgute Momente schenken.

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