Sicheres Zuhause
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Sicheres Zuhause

Sicheres Zuhause

Leider kann ich nicht so einfach sagen, was ein sicheres Zuhause ist. Besonders nicht, wenn man Anteile hat, die drauf trainiert wurden, dass es richtig/ normal ist zu den Ritualen zu gehen und mit den Tätern in Kontakt zu bleiben. Noch schwieriger wird es, wenn die Anteile nichts voneinander wissen und selbständig handeln, so wie sie es gewohnt sind/ waren. Das Einzige, was ich machen kann, ist jeweils die Vor- und Nachteile aufzuzählen. Jede Wohnmöglichkeit hat Vor- und Nachteile, man kann sie wieder ändern, wenn eine nicht stimmig ist. Aber man muss abwägen, wo man seine Prioritäten setzt. Ich habe alle davon ausprobiert, die ich hier aufzähle. Wie es mir dabei erging, erzähle ich der Reihe nach.

Verschiedene Wohnmöglichkeiten:

Betreutes Wohnen

Vorteile                                                             

– Man ist nicht allein, wenn Mitglieder auftauchen

– Ist unter der Aufsicht von Betreuern tags und nachts, weshalb man in der Nacht nicht

  Selbständig rausgehen kann, ohne das es auffällt

– Man muss sich abmelden, wenn man weggeht und sagen für wie lange

– Es fällt auf, wenn du plötzlich für längere Zeit verschwindest

Nachteile:

– Es besteht die Möglichkeit, dass Mitglieder dort arbeiten und dich beeinflussen können

– Die Betreuer sind vermutlich nicht erfahren mit dem Umgang des Krankheitsbilds

  (DIS, komplexe PTBS)

– Ist eingeschränkter, wird mehr kontrolliert

– Kann nicht entscheiden, wer alles im betreuten Wohnen lebt oder arbeitet

– Ein starkes Einsamkeitsgefühl, innere Leere entsteht, wenn du ganz aus deinem Umfeld entrissen wirst und fühlst dich Verlassen.

– Kannst deine Bedürfnisse nur beschränkt ausleben wegen den Regeln

– Aufenthalte in einer Psychiatrie sind nicht möglich, der Staat finanziert nicht beides

– Hat nur wenig Geld zur Verfügung, weil die Wohnform viel kostet

Ich bezog mein Zimmer in der betreuten WG kurz vor dem 18. Geburtstag. Ich war froh, dass ich von der Kinder- und Jugendpsychiatrie dorthin gehen konnte und nicht zu den Eltern zurückgeschickt wurde. Anfangs verliefs gut. Doch mit der Zeit entstanden diverse Problematiken. Ich hatte keine Tagesstruktur, da ich die Schule abbrechen musste. Was dazu führte, dass sich mein Gedankenkreislauf nur um die schlechten Erfahrungen drehte. Das Betreute Wohnen war für Jugendliche von denen die Meisten mit Drogen zu tun hatten oder übermässig Alkohol tranken. Weshalb mir klar wurde, dass ich längerfristig nicht dort wohnen könne, ohne selbst zu konsumieren. Besonders weil es mir nicht gut geht und ich den Kontakt zu meinen Freunden nicht wirklich pflegen kann, da sie weiter weg wohnen und mir das nötige Geld fehlt. Die ambulante Therapie, die ich hatte, reichte nicht aus. Ich vertraute meinem damaligen Therapeuten nicht und hatte auch nicht das Gefühl, es würde mir etwas bringen mit ihm zu reden. Ich fühlte mich mit der Zeit immer einsamer und im Stich gelassen. Ich fühlte mich überflüssig, traurig, hilflos, am falschen Platz. Ich versuchte mich selbst aus dem Tief zu holen. Ich recherchierte, wie man ein Trauma behandelt und suchte mir eine Tagestruktur. Ich begann ein Praktikum als Kostüm Hospitanz im Theater St.Gallen und konfrontierte mich mit meinem Trauma. Es entstand eine Retraumatisierung und deshalb war ich gezwungen das Praktikum abzubrechen. Ich kam ins KIZ (Krisenintervention) St.Gallen und trat nach kurzer Zeit wieder aus, obwohl es mir nicht besser ging. Ich konsumierte regelmässig Alkohol und nach nicht einmal einer Woche, verlor ich das Mass und konsumierte zusätzlich noch Schmerzmittel, die ich, seit ich etwa 13 Jahre alt bin, habe für den Fall der Fälle, dass ich alles nicht mehr aushalte. Ich schluckte etwa 30 Tabletten, doch nicht direkt mit dem Ziel mich umzubringen, sondern in der Hoffnung, dass es mir dann besser gehe und all der Schmerz, die Angst, die Trauer, Wut, Einsamkeit und Verzweiflung nachlasse. Für einen kurzen Moment funktionierte es, doch ich wurde daraufhin von der Ambulanz in die Notaufnahme gebraucht und danach kam ich auf die Akutstation in der Psychiatrie Littenheid, Park C, und blieb eine längere Zeit dort, bis ich einen Stationären Aufenthalt in der Psychiatrie Münsterlingen mit dem Ziel das Trauma aufzuarbeiten machen konnte. Nur gab es Probleme. Der Staat finanziert nicht das betreute Wohnen und die Psychiatrie gleichzeitig, doch um einen Stationären Aufenthalt zu machen, brauche ich einen festen Wohnsitz, wo ich am Wochenende hinkonnte. Weshalb ich einen Antrag beim Sozialamt stellte und zur Wohnform, unbetreute WG wechselte. Meine Beiständin unterstützte mich dabei und füllte den Antrag aus für die Sozialhilfe.

Unbetreute WG (Wohngemeinschaft)

Vorteile

– Mehr Freiheiten

– Kann mit Freunden zusammenwohnen

– Spart finanziell

– Haushaltsarbeit wird aufgeteilt

– Kann stationäre Aufenthalte mache in der Psychiatrie

– Hat mehr Geld zur Verfügung

– Wenn man mit Freunden zusammen wohnt, fühlt man sich auch nicht so einsam, vielleicht

sogar geborgen und sicher

Nachteile

– Man bringt andere oder/ und sich selbst in Gefahr (wichtig ist es, die andere im Bilde zu

halten, damit sie Fremden nicht einfach die Türe öffnen und es besteht die Möglichkeit, dass Anteile Mitglieder hineinlassen oder man hinausgeht)

– Solange Anteile noch in Kontakt mit den Tätern sind, versuchen sie die Anteile dazu zu

bringen den Mitbewohnern etwas anzutun, damit du dich selbst aus dem Weg räumst und ihr Problem gelöst ist.

– Es kann viele Konflikte mit den Mitbewohnern geben, durch die eigenen Anteile und

deren ständige wechselnde Bedürfnisse/ Verhaltensweisen

– Es fällt nicht sofort auf, wenn man längere Zeit weg ist, ausser man ist mit den

Mitbewohnern eng in Kontakt

Ich selbst wohnte in drei verschiedenen WG Verhältnissen. In der ersten wohnte ich mit Fremden zusammen. Damals wusste ich es nicht, doch gewisse Anteile nahmen wieder Kontakt mit den Mitgliedern auf und ich war wieder ein Teil vom Ganzen. Ich stieg in manchen Nächten aus dem Fenster (wohnte im Erdgeschoss). Ich reagierte auf das Klopfen am Fenster und als ich die Person sah, übernahmen die Anteile die Kontrolle über mein Bewusstsein. Ich selbst war damals überzeugt, dass es nur Träume seien. Es sprach eigentlich alles dafür, dass es keine Träume waren, aber für mich war dieser Zustand (DIS) normal, weil ich so aufgewachsen bin.

Danach zog ich mit einer (heute ehemalige) guten Freundin zusammen. Anfang lief alles gut in der WG, doch durch die Aufarbeitung meiner Vergangenheit (Anfangs nur sexueller Missbrauch durch den Vater), begannen auch Erinnerungen an rituelle Gewalt hochzukommen, gefolgt von Panikattacken, Flashbacks, Erstarrungszuständen, usw. Dadurch realisierte ich langsam, dass ich in der Nacht rausgehe und es nicht einfach nur Träume waren. Ich realisierte auch, dass ich sie mehrmals in die WG liess. Ich realisierte, dass ich es nicht unterbinden kann. Schliesslich habe ich noch keine Kontrolle über diese Anteile und würde meine Mitbewohnerin weiterhin in Gefahr bringen. Mir war durchaus bewusst, dass sie mir helfen könnte oder würde, wenn ich ihr die ganze Wahrheit erzählen würde, doch es war mir zu riskant und ich wollte sie aus allem raushalten. Der Hauptgrund war, dass ich meine Anteile nicht kannte und mir selbst nicht mehr über den Weg traute. Ich wusste nicht, zu was diese Anteile fähig sind, deshalb fasste ich den Entschluss, dass wir nicht mehr zusammenwohnen können. Ich sagte ihr den wahren Grund nie und setzte alles daran, dass sie mich zu hassen begann und wir mit Streit auseinander gingen. Es war das Beste für sie. Ich bin ihr unheimlich dankbar für alles, was sie für mich getan hat und dass ich mit ihr befreundet sein konnte, aber ich musste Prioritäten setzten. Ich wollte sie schützen.

Mein nächster Versuch war es, dass ich mit einer Freundin zusammenlebe, die aus dem gleichen Kreis kommt wie ich und mit ritueller Gewalt geprägt ist. Anfangs lief es überraschend gut und mit der Zeit bemerkte ich, dass ich ihr zu helfen versuchte, zu extrem.  Ich machte durch die Therapie Fortschritte, doch ich merkte, dass irgendwas nicht stimmig war. Ich realisierte erst, was Sache war, als es zu spät war. Sie hatte regelmässig Täterkontakt, was dazu führte, dass ich durch sie wieder in Kontakt mit meinen Eltern und weiteren Mitgliedern kam und immer mehr in die Sache reingezogen wurde. Sie selbst war auch wieder stärker gespalten. Zum Glück spaltete sich ein sexueller Missbrauch nicht ab und ich konnte, somit handeln und machte eine Anzeige bei der Polizei und auch sie zeigte sich selbst an. Für mich war dieser Entscheid sehr schwer, ehrlich gesagt, weiss ich nicht, ob die Anzeige das richtige war. (Dazu mehr Anzeige oder nicht?) Wir lösten die WG auf. Sie ging in die Psychiatrische Klinik und ich blieb in der WG. Ich hielt es in der WG nicht lange aus, da ich ständig dissoziierte, ohnmächtig wurde, immer wieder nicht wusste, wo ich war oder wer ich war. Der Grund, dass ich so heftig reagierte war, dass der Vorfall in der WG in meinem ehemaligen Zimmer geschahen war. Deshalb wohnte ich dann bei Freunden bis ich mich entschied, doch in die Psychiatrische Klinik zu gehen, da sie auch bei einer Freundin auftauchten, als sie nicht da war. Ich blieb so lange in der Psychiatrie bis ich die Anteile, die zurück zur Sekte und meinen Eltern wollten und es als richtig ansahen oder behaupteten, all das sei nie geschehen, einsahen, dass sie sich irrten. Trotz all den Vorfällen in Frühling 2019, wo teils auch die Mitbewohnerin beteiligt war, hab ich sie lieb und vermisse sie. Viele verstehen das vermutlich nicht, doch man beginnt anders über Menschen zu urteilen. Besonders wenn man weiss, dass Menschen Gewalt nicht anwenden würden, hätten sie eine behütete Kindheit gehabt und ein gesundes Umfeld. Mir ist bewusst, dass ein Mensch nur dass wiederspiegelt, was er selbst erlebt hat. Das nimmt mich auch heute noch besonders mit, wenn mir die Person etwas bedeutet(e).

Allein in einer Wohnung

Vorteile

– Man bringt niemand in Gefahr

– Man entscheidet selbst, wen man in die Wohnung lässt

– Kann problemlos in die Psychiatrische Klinik

– Kann sich ohne Angst frei in der Wohnung bewegen und machen, was man will

– man kann Kameras in er ganzen Wohnung installieren, um Beweise zu sichern, falls sie in

die Wohnung eindringen. Anteile können die Videoaufnahmen und weitere Beweise verschwinden lassen.

                – Man kann Haustiere haben. (Durch die Verantwortung, nimmt man den suizidalen Anteilen

Macht und unterbindet deren Handlungen.)

Nachteile:

– Man ist auf sich allein gestellt, wenn Mitglieder auftauchen.

– Wenn man auf antrainierte Signale reagiert, wird man von niemandem gehindert und geht   

 denen nach/ nach draussen

– Es ist finanziell teurer als eine unbetreute WG

– Man kann sich schnell alleine oder einsam fühlen, auch wenn man viele Anteile hat

– Anteile können verstärkter hervorkommen und eine extreme Verwirrung auslösen, da sie

  nicht wissen, wie sie in dieser Wohnsituation funktionieren müssten.

Wichtig!            Am Tag wo du umziehst auch die Telefon-/ Handynummer wechseln. Durch das Handy können sie dich orten. Man hat mehr Zeit, dass man sich selbst sicher fühlt oder mindestens für eine gewisse Zeit. Wenn man die Handynummer und den Wohnort wechselt, brauchen sie mehr Zeit dich ausfindig zu machen.

                               Beim Einwohneramt müsst ihr unbedingt eine Adresssperre errichten. Dafür müsst ihr einen Brief schreiben ans Einwohneramt, wo ihr erwähnt, dass ihr eine Adresssperre machen wollt. Geht zum Einwohneramt und gebt diesen Brief ab, genau dann, wenn ihr eure Adresse ändert. Nicht den Brief einschicken! Wenn ihr die Adresse vorher ändert und dann den Brief einschickt, haben Familienangehörige, Mitglieder genug Zeit, um sich nach eurer Adresse zu informieren beim Einwohneramt. Ist die Adresssperre errichtet, darf das Einwohneramt keine Auskunft geben (ausser den Behörden, wie der Polizei, KESB). Was es dann bringt? Ihr verschafft euch mehr Zeit und das bringt etwas und die Familie kann sich euch nicht nähern, weil sonst etwas rauskommen würde. Meine Eltern versuchten auch durch ihren Anwalt an meine Adresse beim Einwohneramt zu kommen, doch sie bekamen sie nicht, dank der Adresssperre.

Jetzt wohne ich allein mit meinen zwei Katzen in einer charmanten Wohnung. Der erste Monat war für mich der Heftigste. Nicht, weil ich Kontakt mit den Mitgliedern der satanistischen Sekte hatte, sondern weil ich mich zum ersten Mal ausserhalb der Psychiatrie sicher fühlte. Ebenfalls fühlte es sich wie ein zu Hause an und ich realisierte langsam, dass es mein Reich ist. Ich muss mich nicht anpassen, nicht verstellen. Ich muss einfach nichts mehr tun. Es gab keine Regeln, nichts zu befolgen. Es passte nicht in mein Weltbild, meine gewohnte Normalität war weg. Ich brach regelmässig zusammen, weil ich nicht verstand, warum mir jetzt nichts mehr passiert. Sehr viele Anteile, die sich dem ANP nicht zeigten, kamen nach vorne. Was bedeutete, dass mein inneres System sich sicher fühlt und die Anteile an meinem alltäglichen Leben teilhaben wollen oder es versuchen. Innerhalb von etwa 3 Monaten hatte ich insgesamt 228 verschiedene Anteile, die sich dem ANP gegenüber zeigten und auch grössten Teils integrieren konnte. Die Kommunikation mit diesen Anteilen war sehr anstrengend und komplex. Doch durch meine zwei Katzen beruhigten sich die Meisten schnell wieder, da sie wissen, dass Katzen einem nicht schaden, ausser man tut ihnen was an und dann erleidet man ein paar harmlose Kratzer. Da ich Verantwortung für meine Katzen trage, war es den suizidalen Anteilen nicht möglich zu handeln. Meistens folgt eine ausführliche Kommunikation bis eine gemeinsame (zwischen den betroffenen Anteilen) Lösung gefunden werde.

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